Winterprojekt Fantic 303

  • Moin,

    bei den Classic Trials sind viele Trialmopeds aus dem Hause Fantic am Start. Aber nur ganz wenige der Reihe 243/ 303. Ich kenne auch nur 2 Menschen die eine in der Werkstatt stehen haben. Als mir solch ein seltenes Stück angeboten wurde konnte ich nicht wiederstehen.

    Jetzt versuche ich eine Fantic 303 zu reanimieren. Der Motor läuft. Aber es gibt noch viiieeel zu tun.

  • Die Bestandsaufnahme nach eingehender Wäsche, intensiver Putzaktion und kompletter Zerlegung ergab:

    -          Die Bremsen arbeiten mit geringer Wirkung

    -          Der Bremsschlauch am Vorderrad ist durch einen viel zu langen ersetzt worden.

    -          Die äußere Hülle des hinteren Bremsschlauches ist an mehreren Stellen wegen nachlässiger Verlegung beschädigt. Zum Glück ist der Stahlflexschlauch davon nicht betroffen

    -          Gabel undicht, Gabelöl hellgrau und zäh wie Sirup

    -          Steuerkopflager leicht rostig aber ohne Rasterung

    -          Kupplung klebt, Getriebeöl in honigartiger Konsistenz

    -          Die Umlenkung der Hinterradfederung zeigt mit gut 2 cm an der Hinterachse recht deutliches Spiel

    -          Die Druckstufe am Marzocchi Duo-Shock lässt sich verstellen, Drehen am Zugstufeneinsteller zeigt keinerlei Wirkung

    -          Gehäuse und Deckel des Luftfilterkastens sind an mehreren Stellen gerissen

    -          Der Luftfiltereinsatz ist zerbröselt

    -          Einer der Vorbesitzer hatte alle möglichen Ecken intensiv mit Kettenspray eingenebelt und dann mit Staub, Sand und Schlamm gepudert. Lösen lies sich die Paste erst nach mehrfachem Einweichen mit großen Mengen Reinigungsflüssigkeit

    -          Die Lackierung des Rahmens ist an vielen Stellen abgeplatzt oder bis aufs Metall durchgescheuert

    -          Der Auspuff trägt an vielen Stellen starke Korrosionsspuren. An anderen Stellen sieht er aus wie neu

    -          Die Felgen haben wenig Kratzer, Reifen Steinalt, hart und abgefahren. Am Vorderrad ist scheinbar noch der erste montiert: ein Schlauchloser!

    -          Kotflügel in mieser Qualität schwarz überlackiert

    -          Tank rot lackiert. Qualität ok aber mit einigen Abplatzungen

    -          Sitzkissen im vorderen Bereich zerbröselt

    -          Gehäusedeckel Kettenseite mit Loch weil sich die Kette dort augenscheinlich einmal verklemmt hatte

    -          Der Kettensatz kann erst einmal weiter verwendet werden

  • Ich habe in meinem Leben schon an vielen Mopeds geschraubt…. aber keine war so besonders wie dir 303. Beim damaligen Chefkonstrukteur tippe ich auf entweder

    - gerade von der Uni oder

    - 1. Ausbildungsjahr

    Es kommt leider beides aufs Gleiche heraus…. Die Person hat wohl niemals selber an einem Moped geschraubt. Die 303 ist außergewöhnlich aufwendig und kompliziert aufgebaut. Der Vergaser ist beispielsweise nur mit Mühe auszubauen. Alles ist irgendwie zugebaut.


    Und erst die Umlenkhebel der Schwinge. Wie man das Zeug zerlegen kann musste ich erst mal bei Frank F. erfragen. Er hat mir Bilder aus seinem Bestand zukommen lassen und einen Tipp gegeben wo man eine Explosionszeichnung downloaden kann. Vielen Dank dafür!

    Die Lagerhülsen zwischen Schwinge und Umlenkhebel sind der konstruktive Tiefpunkt. Sie lassen sich nicht austreiben sondern müssen gezogen werden. Eigentlich sollte diese Aufgabe von den originalen, speziellen Befestigungsschrauben übernommen werden. Die sind natürlich verfault. Zudem sind die Lagerhülsen in den letzten 24 Jahren scheinbar nie auseinander gewesen und entsprechend festgegammelt. Es gibt in den Hülsen keine Nuten oder Kanten an der man ein Werkzeug ansetzen kann.

    Meine Herangehensweise: erst einmal mehrfach großzügig Rostlöser auftragen und – warten. Dann erhitzen. Auf der einen Seite war das 5x und auf der anderen Seite 7x nötig bis sich etwas bewegte.

    Aber womit zieht man innen an einer glatten Hülse? Mit selbstgestricktem Werkzeug aus Inbusschraube, U-Scheibe und Mutter in M6 sowie einem Stück Benzinschlauch mit Außendurchmesser <10mm bei etwa 6mm Innendurchmesser sowie einem abgesägten, dicken Nagel, welcher in den Kopf der Inbusschraube passen muss. Und dann vorsichtig aber bestimmt nach jedem Abkühlen mit dem Hammer auf den Nagel schlagen. Irgendwann lösten sich die Hülsen….

  • Was wurde seit dem Kauf gemacht:

    -          Der Rahmen selbst weist sehr viele Ecken und Löcher auf in denen sich Schmutz und damit Gewicht ansammeln kann. Diese habe ich mit Styrodur und Sikaflex verschlossen.

    -          Kickstarter entrostet, gereinigt und neu gefettet

    -          Die Kupplungseingangswelle gegen eine nadelgelagerte getauscht

    -          Bremsscheiben entrostet

    -          Bodenplatte gerichtet

    -          Luftfilterkasten mit 0,5mm Alu-Blech, Poppnieten und Reinzosil Dichtungsmasse repariert. Nicht schön aber dicht

    -          Gabelsimmeringe und –öl gewechselt

    -          Stoßdämpfer zur Instandsetzung gegeben

    -          Gehäusedeckel repariert

    -          Kotflügel abgebeizt. Sie werden erst mal weiter verwendet

  • Anstehende Aufgaben:

    -          Lager von Schwinge/ Umlenkung erneuern. Die ersten Teile sind geliefert aber die Inbusschraube, welche in den Umlenkhebel geschraubt wird, habe ich nur noch 1x bekommen. Die zweite ist in Italien bestellt. Mal schauen wann die eintrudelt.

    -          Rahmen und Schwinge lackieren

    -          Bremsflüssigkeiten tauschen

    -          Vorderradbremsschlauch ersetzen

    -          Getriebeöl tauschen

    -          Kette auskochen

    -          Kupplungs- und Gaszug erneuern

    -          Reifen tauschen


    Ziel: die HU bestehen

  • .. Die Umlenkung der Hinterradfederung zeigt mit gut 2 cm an der Hinterachse recht deutliches Spiel
    .. Die Bremsen arbeiten mit geringer Wirkung
    .. Die Person hat wohl niemals selber an einem Moped geschraubt. Die 303 ist außergewöhnlich aufwendig und kompliziert aufgebaut. Der Vergaser ist beispielsweise nur mit Mühe auszubauen. Alles ist irgendwie zugebaut.

    Kenne ich alles von meiner 243. Die Aufgabe für den Konstrukteur damals war wohl: Baue ein Motorrad um einen Vergaser herum.
    Die Umlenkung habe ich gerade zum zweiten Mal ausgebaut. Hat rund 5 Jahre gehalten, dann trotz Pflege wieder Spiel. Zumindest hat sie sich diesmal leichter zerlegen lassen.
    Lee baut da gerne eine andere Schwinge mit anderer Umlenkung ein, dafür muss aber der Rahmen für die obere Federbeinaufnahme umgeschweißt werden. Das habe ich mir bisher verkniffen. Ich möchte das Mopped so original wie möglichlassen - aber dennoch für mich fahrbar.
    Das Konstrukt um die Vorderradbremse bei der 243 ist zwar spannend, aber ich habe das nicht so hinbekommen, dass ich damit zurecht gekommen bin: Die hat einen Bowdenzug am Bremshebel, der bis zwischen die Gabelbrücken reicht. Dort sitzt dann die eigentliche Bremspumpe.
    Ich war aber auch ohne diese Umsetzung mit der Bremswirkung vorne nicht zufrieden und als jemand hier im Forum mal eine Vierkolbenbremszange für eine Sherpa angeboten hat, habe ich die eingebaut und bin seither zufrieden. Vielleicht probiere ich irgendwann mal aus, ob ich mit der in der Kombination mit der alten Bremspumpe zurecht komme, dann würde ich die tatsächlich wieder einbauen. Mal sehen.
    So viele Projekte und so wenig Zeit - aber da bin ich sicher nicht der Einzige hier :)

    Fred

  • Ich habe in meinem Leben schon an vielen Mopeds geschraubt…. aber keine war so besonders wie dir 303. Beim damaligen Chefkonstrukteur tippe ich auf entweder

    - gerade von der Uni oder

    - 1. Ausbildungsjahr

    Es kommt leider beides aufs Gleiche heraus…. Die Person hat wohl niemals selber an einem Moped geschraubt. Die 303 ist außergewöhnlich aufwendig und kompliziert aufgebaut. Der Vergaser ist beispielsweise nur mit Mühe auszubauen. Alles ist irgendwie zugebaut.

    Das trifft es auf den Punkt - war für mich mit einer der Gründe mich von meiner 243 zu trennen :saint:


    Ich hatte mal Deckel für den Luftfilterkasten selbst tiefgezogen - ebenso die schicke weiße Startnummerntafel vorne.

    Hättest du an sowas Interesse?

    Dann schau ich bei Gelegenheit nach ob ich da noch was von habe..


    Ich hab gesehen, dass du den Kupplungshebel umbebaut hast - vorsicht - der liegt sehr eng am hintern Dämpfer.

    Mir ist es passiert dass der Hebel - aber nur unter Last, also wenn ich auf den Rasten stand - an der Feder des Dämpfers hängen geblieben ist.

    Fühlte sich an wie ein wandernder Druckpunkt der Kupplung und war sehr nervig 8|

    Gab es früher schon mal hier:


    Gerade, weil wir alle in einem Boot sitzen,
    sollten wir heilfroh darüber sein,
    dass nicht alle auf unserer Seite stehen.


    © Ernst Ferstl

  • Was mir gerade noch einfällt:

    Der Schwimmer neigt zum Klemmen und du flutest dir, wenn es dumm läuft, den Motor.

    Wenn ich es noch recht weiß lag es daran, dass die Kunststoffröhren, durch die die Lagerachse geht, etwas breit waren.

    Ich hab die mit einem scharfen Messer etwas schmäler geschnitten und Ruhe war.

    Gab es früher schon mal hier:


    Gerade, weil wir alle in einem Boot sitzen,
    sollten wir heilfroh darüber sein,
    dass nicht alle auf unserer Seite stehen.


    © Ernst Ferstl

  • Was mir gerade noch einfällt:

    Der Schwimmer neigt zum Klemmen und du flutest dir, wenn es dumm läuft, den Motor.

    Wenn ich es noch recht weiß lag es daran, dass die Kunststoffröhren, durch die die Lagerachse geht, etwas breit waren.

    Ich hab die mit einem scharfen Messer etwas schmäler geschnitten und Ruhe war.

    Ich verstehe nur Bahnhof. Schwimmer…im Vergaser? Lagerachse? Ich weis das Fantic die 243/303/ um den Vergaser konstruiert hatten. Um den auszubauen muss der Nachbars TLR zuerst zerlegt werden um Platz zu schaffen….

  • Moin,

    vielen Dank für die Meldungen!

    b-joe: der Motor hörte sich in der kurzen Zeit wo ich ihn hören durfte nicht schlecht an. Mechanische Geräusche waren da aber nicht so dass mir eine Revision zum jetzigen Zeitpunkt zwingend nötig erscheint. Diesen Part hebe ich mir für später auf.


    Mattes: die Aufarbeitung würde jeder hinbekommen. Allerdings dürften sich wenige Personen finden welche die Motivation dafür aufbringen.


    Oskar: an den Teilen hätte ich Interesse! Vielen Dank für den Tipp mit dem Kupplungshebel. Solch eine Fehlerquelle zu identifizieren nimmt viel Zeit in Anspruch. Den Vergaser nehme ich mal genauer unter die Lupe.